Unser Vereinsmitglied Klaus Kallmer und die Schrifttafel hinter dem Karl-Marx-Kopf

Die Freie Presse berichtete über das Mitwirken unseres Vereinsmitglied Klaus Kallmer bei der Entstehung der Proletarier-Wand hinter dem Karl-Marx-Kopf.

© Foto: Andreas Seidel | Freie Presse
© Foto: Andreas Seidel | Freie Presse

Warum die Proletarier-Wand fast ganz anders ausgesehen hätte
Die monumentale Schrifttafel hinter dem Karl-Marx-Kopf hat eine bewegte Geschichte. Bei denen, die sie geschaffen haben, überwog am Ende die Enttäuschung.

Von Jürgen Werner | erschienen am 08.03.2018

Was es mit dem „Nischel“ auf sich hat, das weiß so ziemlich jeder Chemnitzer. Klaus Kallmer kann das in die Alltagssprache eingegangene Synonym für den Karl-Marx-Kopf an der Brückenstraße nicht ausstehen. „Das ist einfach eine unglaubliche Herabwürdigung“, sagt der 81-Jährige. Kallmer hat eine besondere Beziehung zu dem Monument. Zu der Büste, aber noch mehr zu der Wand dahinter, an der der Schlusssatz des Kommunistischen Manifests in vier verschiedenen Sprachen zu lesen ist, auf Deutsch, Englisch, Russisch und Französisch: „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!“

Jetzt, da sich der Geburtstag des Philosophen und Ökonomen bald zum 200. Mal jährt, kommen die Erinnerungen wieder hoch. Von der Konzeption bis zur Konstruktion haben viele Menschen an dem sogenannten Schriftspiegel mitgewirkt, die Protagonisten haben die Altersgrenze von 80 Jahren inzwischen überschritten. Klaus Kallmer, gelernter Maschinenschlosser, war damals Bereichsleiter im VEB Modul an der Erfenschlager Straße. Dort kamen die insgesamt 174 Einzelplatten an, die in Lauchhammer in der Lausitz gegossen worden waren. „Jede einzelne wog 150 Kilogramm“, erzählt Kallmer. Die Aufgabe seines Teams sei es gewesen, die Platten zu bohren und zu fräsen. „Das musste passgenau erfolgen, damit sie später lückenlos aneinandergesetzt werden konnten“, erzählt er. Die Technik, die dabei zum Einsatz kam, sei damals hochmodern gewesen. „Das Bohrwerk war das DDR-weit erste, das mit einer numerischen Steuerung ausgestattet war“, erinnert sich auch Wilhelm Behm, der die Arbeiten an der Maschine seinerzeit ausführte.

Mit Lew Kerbel, dem Erschaffer des Karl-Marx-Kopfes, hatten weder er noch Kallmer Kontakt. Ganz im Gegensatz zu Heinz Schumann. Der mittlerweile 84-jährige Künstler hatte von den Stadtverantwortlichen den Auftrag erhalten, die Wand zu gestalten, und spricht von überaus freundlichen Begegnungen mit dem sowjetischen Bildhauer, der sich zur damaligen Zeit, in den 1960er-Jahren, bereits einen Namen gemacht hatte und in seinem Heimatland hoch dekoriert war. „Bei unserem ersten Treffen hatte er ganz konkrete Vorstellungen von der Rückwand im Kopf“, erzählt er. Kerbel habe eine Illustration gewollt – welches Motiv, das will Schumann nicht verraten. „Für mich als studierten Schriftgrafiker war aber klar, dass nichts anderes als Schrift in Frage kommt, und ich habe das auch so geäußert.“ Kerbel habe zugestimmt und sich später zudem auf die Verwendung von lediglich vier Sprachen herunterhandeln lassen. „Er wollte 120“, so Schumann. Ursprünglich sei zudem eine steinerne Wand geplant gewesen, doch wegen befürchteter Statikprobleme habe man auf Hydronalium umgeschwenkt, eine Aluminiumlegierung mit einem Anteil Magnesium.

Die Umsetzung sei überaus zeitaufwendig gewesen. Dem Bau eines Modells im Maßstab 1:50, das 1969 auf einer Ausstellung zum 20. Jahrestag der DDR-Gründung präsentiert wurde, folgte die 1:1-Zeichnung und damit die Grundlage für den späteren Plattenguss. „Schon weil die Schrift über die Plattengrenzen hinweggeht, war da absolute Präzision notwendig“, so Schumann. Ein halbes Jahr habe er für die Zeichnungen benötigt. „400 Quadratmeter ist das Gesamtwerk, größer als unser Garten“, sagt er. Nicht alles sei reibungslos vonstattengegangen. Einmal musste er neu beginnen, weil er anstelle des russischen Buchstaben „i“ ein spiegelverkehrtes deutsches „n“ gezeichnet habe. Auch die Beschaffung der Papierrollen in der notwendigen Höhe von 1,70 Meter habe sich sehr schwierig gestaltet.

Als Karl-Marx-Kopf und Wand am 9. Oktober 1971 vor rund 250.000 Besuchern enthüllt wurden, waren beide Protagonisten nur Randfiguren. Klaus Kallmer erhielt erst am Vortag der Zeremonie eine Einladung – Fotografien zeigen ihn am Rand des Menschenpulks stehend. Schumann hingegen blieb eine solche ganz verwehrt, worüber er sich noch heute fürchterlich ärgert. „Das war ganz einfach schlechter Stil.“ Auf sein Werk ist er noch heute stolz, auch auf Karl Marx lässt er nichts kommen. Der sei zwar wohl tatsächlich nie in Chemnitz gewesen. Doch das sei völlig egal, denn das Denkmal stehe symbolisch für die Arbeiterbewegung in der Stadt. „Manchmal“, fügt er an, „denke ich, dass es die Leute verlernt haben, Symbole zu lesen und richtig zu verstehen.“

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