Besuch des Terra Nova Campus

Am 11. April 2018 lud der Vorstand des Bürgervereins FUER CHEMNITZ e.V. zum diesjährigen Frühjahrsausflug auf den Terra Nova Campus der Entdeckerschule an der Heinrich-Schütz-Straße in Chemnitz ein. Beim Rundgang mit Schulleiterin Annett Goerlitz durch die 2016 nach vierjähriger Bauzeit eröffnete Schule wurden die 14 Mitglieder, die der Einladung gefolgt waren, selbst zu Entdeckern. Und um es gleich vorweg zu nehmen: wir waren alle sehr beeindruckt und bewegt von dem, was wir zu sehen und hören bekamen!

Ob das Engagement der Pädagogen, Therapeuten, Ärzte und Betreuer für die bestmögliche Förderung der Kinder und Jugendlichen, ob die gelungene bauliche Umsetzung der benötigten Infrastruktur oder die spürbar positive Atmosphäre – all dies macht diese Schule zu etwas ganz Besonderem, mit einem Ruf weit über unsere Stadtgrenzen hinaus.

Doch zurück zu unserem Besuch, der in einem der modern ausgestatteten Klassenzimmer der Sekundarstufe begann. Frau Goerlitz berichtete in einem kurzweiligen und anschaulichen Vortrag, wie auf dem brachliegendem Kasernengelände aus der Kaiserzeit (später Wehrmacht, Sowjets) nach intensiver Planung der Terra Nova Campus entstand. Verantwortlich hierfür zeichnet ein Architektenbüro aus Dresden, das im zuvor ausgelobten Wettbewerb eine Jury mit seinem Entwurf überzeugen konnte.

Hier einige Kennziffern zum Bau:

  • Bauzeit: 2012-2016
  • Fläche: etwa drei Fußballfelder
  • alle Gebäude komplett ebenerdig errichtet
  • 1600 Pfähle zur Stabilisierung des Untergrunds verbaut
  • 185 km Kabel verlegt
  • Baukosten: 35,1 Mio Euro (für die Kosten kamen Kommune und Land sowie diverse Stiftungen und der Förderverein auf)

Und zur Ausstattung:

  • alle Klassenzimmer sind von zwei Seiten durch Tageslicht beleuchtet
  • je zwei Klassenzimmer teilen sich einen Gruppenraum
  • insgesamt gibt es drei Schulhöfe, die durch ihre „grüne“ Gestaltung die Nähe zur Natur fördern
  • Betonung der Verbindung von innen und außen, da jedes Klassenzimmer durch eine Tür mit dem jeweiligen Innenhof verbunden ist
  • es wurde keine Klimaanlage eingebaut – eine Nachtauskühlung sorgt für die entsprechende Klimatisierung, aber leider auch dafür, dass kein hitzefrei benötigt wird 😉
  • die Verwendung von Glas und Holz als Baumaterialien sowie der Einsatz von hellen Farben schaffen eine offene und anregende Lernatmosphäre
  • moderne Ausstattung: interaktive Tafeln und Datenanschlüsse eröffnen neue Lernformen
  • Schul- und Wohnbereich befinden sich auf zwei Geländeebenen, so dass eine Trennung von Leben und Lernen gegeben ist

Neben den technisch-baulichen Informationen erläuterte uns Frau Goerlitz auch das pädagogische Konzept, nach dem an der Schule gearbeitet wird. In dessen Mittelpunkt stehen die Schülerinnen und Schüler mit ihren individuellen Stärken und Schwächen, an deren besonderem Bedarf jeweils die bestmögliche Förderung ausgerichtet ist: Bewegungsförderung, Förderung der Selbstständigkeit, Lebensweltbezug, Kulturtechniken, Selbstorganisation, Umgang mit Hilfsmitteln u.a. sind Ziele der pädagogischen Bemühungen. So finden sich unter dem Dach der Entdeckerschule eigentlich vier Schulformen:

  • im Primarbereich, terrabambini genannt, lernen die Klassen 1 bis 4 nach dem sächsischen Lehrplan der Grundschule
  • der Sekundarbereich, terraluna, umfasst die Klassen 5 bis 9 bzw. 5 bis 10, die nach dem sächsischen Lehrplan der Oberschule lernen
  • im Bereich der Lernförderung werden die Klassen 2 bis 9 nach dem sächsischen Lehrplan der Schule für Lernförderung unterrichtet
  • und im Geistigbehindertenbereich, terramio, gelten die Maßstäbe des sächsischen Lehrplans der Schule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung

Die zu erlangenden Abschlüsse, hier besonders der Hauptschul- sowie der Realschulabschluss, erhalten ihre Gültigkeit nach dem sächsischen Lehrplan, was für die weitere berufliche Orientierung der Schülerinnen und Schüler sehr wichtig ist.

Und hier weitere Details:

  • Anzahl der Schülerinnen und Schüler: 208
  • Anzahl der Schülerinnen und Schüler, die im angeschlossenen Wohnheim wohnen: 24
  • Anzahl der Klassen: 29
  • Unterrichtszeit: 7.45 bis 14.30 Uhr
  • Anzahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: ca. 100
  • vertretene Professionen: Pädagogen, Logopäden, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten, Ärztin, Schulsozialarbeiter, Ganztagsbetreuer

Und zur Didaktik:

  • die Arbeit erfolgt nach dem 2-Pädagogen-System: pro Klasse gibt es einen Lehrer sowie eine pädagogische Unterrichtshilfe
  • angewandte Lernformen: schülerzentrierter Unterricht, Blockunterricht, Einzelunterricht, Fachunterricht, Gruppen- und Partnerarbeit, Werkstattlernen, Freiarbeit, Stationenlernen

Nach ihrem Vortrag beantwortete Frau Goerlitz den Mitgliedern weitere Fragen und dann starteten wir unsere Besichtigung des weitläufigen Schulgeländes. Gleich hinter der Eingangstür öffnet sich der 146 Meter lange Foyergang, in dem der Schülerfunk, das Schulcafé, die Mensa – wahlweise erweiterbar zur Aula – untergebracht sind. Zahlreiche Sitzgelegenheiten laden zum Verweilen ein und so wird das Foyer zum lebendigen Zentrum der Schule. Vom Foyer aus gehen die entsprechend breiten Gänge der einzelnen Lernbereiche ab, die neben ihrer Funktion als Verkehrsraum gleichzeitig Therapieorte sind – hier üben die Schülerinnen und Schüler die Beherrschung ihrer Hilfsmittel wie Rollstühle, Rollatoren u.a.

Neugierig erkunden wir die Facharbeitsräume, die Lehrküche, die Gymnastikhalle inklusive im Boden versenktem Trampolin, das Therapiebecken (34°, 12 x 5m) mit Deckenliftsystem, den Zahnputzbrunnen und entdecken sogar zwei Kunstwerke. Die Rollstuhlschaukel, eine weitere Besonderheit auf dem Schulgelände, kann man sich unter www.luftbild-chemnitz.de in Aktion ansehen. Viele Details in der Gestaltung, wie das verwendete Farbschema, die zahlreichen Piktogramme, das Leitsystem zur Orientierung, zeugen von einem wohldurchdachtem, den besonderen Bedürfnissen angepasstem Konzept. Und immer wieder spüren wir den würdevollen und lernanregenden Umgang, der zugleich auf die Teilhabe und die Förderung der Schülerinnen und Schüler abzielt.

Fast zwei Stunden waren wir unterwegs auf unserem Entdeckerrundgang und um den Gedanken vom Anfang des Berichts noch einmal aufzugreifen: wir waren sehr beeindruckt von der Leistung aller, die hier mitarbeiten und es den jungen Menschen ermöglichen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.

Wie immer danken wir unserem Vorstandsmitglied Siegfried Bauer für die tolle Organisation des Ausflugs und den Mitgliedern für ihr Interesse. Frau Goerlitz danken wir für ihre Zeit und Geduld, uns die Besonderheiten der Entdeckerschule zu zeigen. Wir wünschen ihr und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weiter viel Kraft und Energie für die tägliche Arbeit – und den Schülerinnen und Schülern alles Gute für die Zukunft!

(Text: Cynthia Kempe-Schönfeld)

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